ZECKENSTICH
Lyme-Disease

Daß mit einem Zeckenstich Kran  kheiten übertragen werden können, ist schon lange bekannt. In Mitteleuropa kann ein Zeckenstich hauptsächlich zu folgenden Erkran kung en führen:

  1. Frühsommer-Men ingo-Enzephalitis (FSME), eine vi rale Er krankung

  2. Lyme-Borreliose (Lyme-Disease), eine bak terielle Er krankung

Von dem Zeckenstich selbst geht eigentlich keine Gefahr aus, aber durch den Saugakt können mit dem Speichel der Zecke Kran kheitserreger (Viren, Bakterien) übertragen werden.

Für die Schmerztherapie ist die Zeckenstich -Er krankung Lyme-Disease von Bedeutung, da sie auch nach Jahren noch zu einem heftigen Schmerz führen kann.

Die Lyme-Disease ist eine Infektionskran kheit. In Mitteleuropa erfolgt die Übertragung des kran kheitauslösenden Bakteriums Borrelia burgdorferi durch die Zecke Ixodes ricinus. Der Zeckenstich wird oft nicht bemerkt.
Erstes Anzeichen der
Lyme-Disease ist eine wandernde, flächenhafte Rötung. Diese tritt Tage bis Wochen nach dem Zeckenstich auf.

Zunächst aber ein Wort zur Vorbeugung:

Natürlich sollte die Zecke so schnell als möglich vollständig entfernt werden, dazu gibt es spezielle Vorrichtungen (z.B. www.zeckenschlinge.de). In entsprechenden Risikogebieten sollte man sich ein solches Instrument vielleicht doch zulegen. Nach einem Bericht der Ärztezeitung kann die folgenschwere Er krankung mit einer Verabreichung von 200 Milligramm Doxycyclin binnen drei Tagen nach einem Zeckenstich wirksam verhindert werden. Eine solche Vorbeugung ist aber nur dann sinnvoll, wenn die Kontaktzeit mit der Zecke mehr als 12 Stunden betragen hat. Unterhalb dieses Zeitlimits ist eine Übertragung der Erreger sehr unwahrscheinlich. Sicherheitshalber kann man nach Entfernung der Zecke dieselbe mit zum Arzt bringen, mittels Laboruntersuchungen kann dann festgestellt werden, ob diese Zecke überhaupt Borrelien in sich hatte.

Die Lyme-Disease nach einem Zeckenstich ist eine Multisystemer krankung und läuft in Stadien ab. Die variable Symptomatik reicht von akuten Hautläsionen (Erythema chronicum migrans) bis hin zu schweren rheumatologischen, neurologischen und kardialen (= das Herz betreffenden) Manifestationen (= Erscheinungen).  
Grundsätzlich kann nach einem
Zeckenstich jede der klinischen Manifestationen (= Kran kheitszeichen) isoliert, aber auch in Kombinationen auftreten. 

Im Stadium I der Lyme-Disease tritt als häufigste Frühmanifestation und damit Leitsymptom (= vorherrschendes, hinweisendes Kran kheitszeichen) das Ery thema mig rans (= wandernde, flächenhafte Hautrötung) auf, Tage bis Wochen nach dem Zeckenstich. Die makulöse (= fleckförmige) oder oder papulöse (= knötchenartige), ringförmige Effloreszenz (= Hautausschlag) blaßt im weiteren Verlauf in der Mitte ab.
Begleitend zum Erythema migrans können bei der
Lyme-Disease Allgemeinsymptome wie Fieber, Myalgien (= Muskelschmerzen) und Kopfschmerzen, selten auch ein Meningismus (= Kran kheitszeichen wie bei einer Hirnhautentzündung) auftreten. 
Eine besondere dermatologische
(= die Haut betreffende) Reaktionsform stellt das Borrel ien-Lym phozytom dar. Der rötlich livide Tumor tritt bevorzugt an Ohrläppchen, Mamille (= Brustwarze) oder Hode nsack auf. Das Borrel ien-Lymp hozytom kann allerdings häufig nicht eindeutig einem bestimmten Stadium zugeordnet werden. Selten kann es aufgrund hämatogener Aussaat (= Streuung über die Blutbahn) zu multiplen Erythemen (= flächenhafte Hautrötung) kommen.

Im Stadium II der Lyme-Disease nach einem Zeckenstich treten am häufigsten neurologische Manifestationen (= Erkennbarwerden einer Er krankung) auf (Neuroborreliose), insbesondere die lymphozytäre Meningoradikulitis (LMR) mit typischer klinischer Symptomatik in Form von radikulären (= Ner venwurzel betreffenden) Schmerzen, häufig als quälend und brennend charakterisiert mit nächtlichen Schmerzexazerbationen (= Verschlimmerungen)
In unserem bisherigen Patientengut war diesbezüglich hauptsächlich der Plexus lumbalis
(= Nervengeflecht aus der Lendenwir belsäule) betroffen, seltener der N. ischiadicus
Obwohl davon auszugehen ist, daß die ursächlichen Läsionen das Zentralnevensystem bzw. Rückenmark betreffen, haben wir mit der therapeutischen Lokalanästhesie in Form von "peripheren" Nervenblockaden des Plexus lumbalis bzw. des N. ischiadicus gute Erfolge gesehen. Wahrscheinlich ist dies darauf zurückzuführen, daß gleichzeitig auch das sympathische System gestört bzw. betroffen ist und der Plexus lumbalis ja reichlich vegetative Fasern mit sich führt, gleiches gilt für den N. ischiadicus. 
Als nächst höhere Therapiestufe käme dann bei
Lyme-Disease auch die kontinuierliche epidurale (= rückenmarknahe) Blockade in Frage. Die aufgeführten Blockademethoden sind unten beschrieben.

In diesem Zusammenhang ist über ein Phänomen zu berichten, das bisher in der Literatur nicht aufgeführt wurde, diagnostisch aber richtungsweisend sein kann. Aufgefallen ist bei mehreren Patienten mit Lyme-Disease ein inkonstantes Reflexverhalten. So war der PSR (= Reflex der Kniescheibensehne) bei einer Untersuchung regelrecht auslösbar und bei der nächsten, Tage später nicht mehr und umgekehrt.

Ein weiteres Leitsymptom für die Neuroborrel iose (Stadium II) im Rahmen der Lyme-Disease nach Zeckenstich sind Hirnnervenlähmungen, seltener Extremi täten- (= Ar m/Be in-) oder Rumpflähmungen. Die Meningoradikulitis führt zu einem charakteristischen Liquorbefund (= Untersuchung des Hirnwassers): Lymphozytäre Pleozytose (= erhöhte Lymphozytenzahl) (zwischen 30/3 und 3000/3 Zellen) und Liquoreiweißerhöhung.

Nach erfolgloser antibiotischer Basistherapie der Ly me-Disease kann zur Schmerztherapie ambulant zunächst Baclofen versucht werden. Teilweise hilft auch Carbamazepin (z.B. Tegretal®) oder Gabapentin (z.B. Neurontin®) bzw. Pregabalin (Lyrica®) (die Kombination mit Baclofen ist ebenfalls wirksam und spart Carbamazepin bzw. Gabapentin oder Pregabalin ein, womit eine höhere Dosierung und die damit verbundenen Nebenwirkungen vermieden werden kann).

Eine weitere Manifestation des Stadium II der Lyme-Disease stellt die Lyme -Karditis (= Lyme -bedingte Herzentzündung) dar, gekennzeichnet durch Herzrhythmusstörungen, hpts. in Form von AV-Blockierungen unterschiedlichen Grades.

Im Stadium III der Lyme-Disease nach Zeckenstich zeigen sich hauptsächlich zwei Manifestationen (= Erkennbarwerden einer Er krankung):

  1. Acrodermatitis chronica atrophicans (ACA): Nach langer Inkubationszeit (= Zeitspanne zwischen der Ansteckung und Auftreten von Kran kheitszeichen) (Monate bis Jahre) folgen einem initial (= eingangs) infiltrativen Stadium charakteristische atrophische Veränderungen: dünne, ähnlich einem Zigarettenpapier, gefältelte Haut bei livider Verfärbung und die Gefäße treten plastisch hervor.

  2. Lyme-Arthritis: Diese Gelenkerkrankung kann mono- oder polyartikulär (= ein oder mehrere Gelen ke betreffend), chronisch oder intermittierend ablaufen. Differentialdiagnostisch (= was sonst noch an Kran kheiten in Frage kommt) ist eine r heumat ische Genese (= Ursache) (die sog. rheumatoide Arthritis) bedeutsam.

Sehr selten kommt es als Manifestation des Stadiums III zur chronischen Borrel ien-Enzepha lomyelitis (= En tzündung des Gehirns und Rückenmarks) mit Para- und Tetraparesen (= Lähmung der Beine oder aller Glieder). Im Liquor findet sich eine ausgeprägte Eiweißerhöhung bei geringgradiger Liquorzellzahlerhöhung.

Diagnostik der Lyme-Disease: Der direkte Erregernachweis mittels Kultur oder Mikroskopie bringt zwar einen frühzeitigen Nachweis (sofern eine Anzucht überhaupt gelingt), ist aber sehr aufwendig. In der Praxis kommen deshalb hauptsächlich serologische Verfahren (Nachweis der erregerspezifischen Immunantwort) zum Einsatz, wobei die diagnostische Sensitivität im Frühstadium der Er krankung aber eher gering und erst in späteren Stadien hoch ist. Bei Verdacht auf Lyme-Disease bzw. Neuroborreliose sollte grundsätzlich auch der Liquor cerebrospinalis (= das Hirnwasser) untersucht werden (Liquor/Serum-Paar vom selben Tag). 
Eine zunehmende Bedeutung erlangt die sog. Poly merase-Kettenreaktion (PCR), weil mit dieser Methode innerhalb kurzer Zeit bereits geringe Mengen an Spirochäten nachgewiesen werden können. Der Nachweis spezifischer Genanteile (Nukleinsäuren) hat den Vorteil, daß lebende Organismen nicht vorhanden sein müssen und es daher beim Transport der Proben keiner besonderen Vorsichtsmaßnahme bedarf. 

Geeignete Untersuchungsmaterialien sind bei Lyme-Disease

Differentialdiagnostik (= was sonst noch an Kran kheiten in Frage kommen könnte) bei Lyme-Disease nach Zeckenstich:
Wie oben schon erwähnt, kann eine Arthri
tis auch rheumatischer Natur sein. Herzrhythmusstörungen sind am ehesten kardial (= das Herz betreffend) bedingt und nur selten auf die Lyme-Disease nach Zeckenstich zurückzuführen. Radikuläre (= Nervenwurzeln betreffende) Störungen, wie sie im Rahmen einer borrel iosebedingten, lymphozytären Meningoradikulitis (LMR) auftreten, können auch einer Multiplen Sklerose zugeordnet werden. Eine zunehmende differentialdiagnostische Bedeutung dürfte die neu entdeckte Humane Granulocy ten Ehrlichiose (HG E) erlangen.

Die Primärtherapie (= Basis- oder Grundbehandlung) der Lyme-Disease nach einem Zeckenstich erfolgt mit Antibiotika.
Persistierende (= trotz Basisbehandlung verbleibende) Beschwerden / Schmerzen bei Lyme-Disease
sind leider oftmals sehr hartnäckig und geben dann Anlaß einen Schmerztherapeuten aufzusuchen.

Methodenbeschreibung "Kontinuierliche (repetitive) Nervenblockaden mit Katheter":

  1. Nervus femoralis (vorderer Oberschenkelnerv): Bei dieser Methode suchen wir von der Vorderseite des Oberschenkels her, handbreit unterhalb des Leistenbandes mit einer Kanüle in der Tiefe den Oberschenkelnerv auf und legen in die Nervenscheide (Gewebsumhüllung des Nerven) einen dünnen Kunststoffschlauch (Katheter) ein. In den nächsten 2-3 Wochen spritzen wir dann mehrmals täglich eine verdünnte örtliche Betäubungsmittellösung ein. Dabei wählen wir die Konzentration des Wirkstoffes so, daß die grobe Kraft und damit die Beweglichkeit erhalten bleibt, aber die Schmerzempfindlichkeit deutlich herabgesetzt oder gar aufgehoben ist.
    Anwendungsbereiche: (vorderer) Oberschenkelschmerz, Knieschmerz und zum Teil Unterschenkelschmerzen (vorderer und innerer Anteil).

  2. Gegen Schmerzen im Hüft- (auch ftgelenk) und Le istenbereich kann vorgenannte Methode verändert angewendet werden (der sog. 3 in 1-Block oder die Pl exus lumbal is-Blockade): Wenn man die Menge der örtlichen Betäubungsmittellösung erhöht (ca. 25-35 ml) und während des Einspritzens den Oberschen kel abstaut, wird die Wirkstofflösung nach oben getrieben (innerhalb der Nervenscheide) und betäubt weitere Nerven, die die genannten Körpergebiete versorgen.

  3. N. isch iadicus: Bei dieser Methode suchen wir von der Oberschenkelrückseite her, handbreit unter dem Gesä ß, den Ischiasnerv in der Tiefe mit einer Kanüle auf und legen einen dünnen Kunststoffschlauch in die zugehörige Nervenscheide (Gewebsumhüllung) ein. In den folgenden 2-3 Wochen wird dann in diesen Schlauch mehrmals täglich eine verdünnte, örtliche Betäubungsmittellösung eingespritzt. Je nach Wirkstoffkonzentration kommt es dann im Versorgungsgebiet des Nerven zu einer Verminderung der Schmerzempfindlichkeit bis hin zur Schmerzfreiheit.
    Anwendungsbereiche: rückwärtige
    Oberschenkelschmerzen, hintere und äußere Unterschen kel-, Fu ß- und Fußgelenkschmerzen.

  4. Plexus brachialis: Die Einpflanzung des Katheters erfolgt nahe der Achselhöhle am inneren Oberarm oder im seitlichen unteren Halsbereich (der sog. interskalenäre Zugang).
    Anwendungsbereiche: der ganze Arm einschließlich Ellbogenschmerzen und Handgelenkschmerz, in der sog. retrograd hohen Variante oder beim interskalenären Zugang auch Schulterschmerzen.

Nach bisheriger Lehrmeinung entwickelt nur ein Bruchteil der mit Borrel ien infizierten Patienten eine Lyme-Disease. Hassler (1998)(2) dagegen fand bei seinen Untersuchungen keinen Patienten, bei dem eine Borrel ien-Infek tion symptomlos (= ohne Kran kheitszeichen) geblieben ist und empfiehlt deshalb die Antibiotikatherapie bei allen testpositiven (ca. 6 Wochen nach Zeckenstich) Patienten, denn verschiedene "Volkskran kheiten" wie Arthri tis, Nervenlähmungen oder Herzrhythmusstörungen können die Spätfolge eines Zeckenstich es sein. Die neu entdeckte Humane Granulocy ten Ehrl ichiose (HGE) gewinnt differentialdiagnostisch (= was sonst noch an Kran kheiten in Frage kommt) an Bedeutung.

Literatur: (1) Tiller, F.-W.; Diagnostische Bibliothek, Nr. 48, Juni 1997, Blackwell Wissenschaftsverlag. (2) Hassler, D.; Focus-Magazin, Nr. 17 (20.4.1998) - Teilveröffentlichung einer Habilitationsschrift über die Lyme-Disease  -

In Deutschland gibt es mittlerweile an vielen Orten Selbsthilfegruppen. Falls Sie Interesse haben: www.borreliose-bund.de (einfach anklicken).

Aktualisiert:  03.08.05
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