Daß mit einem Zeckenstich Kran kheiten übertragen werden können, ist schon lange bekannt. In Mitteleuropa kann ein Zeckenstich hauptsächlich zu folgenden Erkran kung en führen:
Frühsommer-Men ingo-Enzephalitis (FSME), eine vi rale Er krankung
Lyme-Borreliose (Lyme-Disease), eine bak terielle Er krankung
Von dem Zeckenstich selbst geht eigentlich keine Gefahr aus, aber durch den Saugakt können mit dem Speichel der Zecke Kran kheitserreger (Viren, Bakterien) übertragen werden.
Für die Schmerztherapie ist die Zeckenstich -Er krankung Lyme-Disease von Bedeutung, da sie auch nach Jahren noch zu einem heftigen Schmerz führen kann.
Die
Lyme-Disease ist eine
Infektionskran
kheit. In Mitteleuropa erfolgt die Übertragung des kran
kheitauslösenden Bakteriums Borrelia burgdorferi durch die Zecke Ixodes
ricinus. Der Zeckenstich wird oft nicht bemerkt.
Erstes Anzeichen der
Lyme-Disease ist eine wandernde, flächenhafte Rötung. Diese tritt Tage bis Wochen nach dem
Zeckenstich auf.
Zunächst aber ein Wort zur Vorbeugung:
Natürlich sollte die Zecke so schnell als möglich vollständig entfernt werden, dazu gibt es spezielle Vorrichtungen (z.B. www.zeckenschlinge.de). In entsprechenden Risikogebieten sollte man sich ein solches Instrument vielleicht doch zulegen. Nach einem Bericht der Ärztezeitung kann die folgenschwere Er krankung mit einer Verabreichung von 200 Milligramm Doxycyclin binnen drei Tagen nach einem Zeckenstich wirksam verhindert werden. Eine solche Vorbeugung ist aber nur dann sinnvoll, wenn die Kontaktzeit mit der Zecke mehr als 12 Stunden betragen hat. Unterhalb dieses Zeitlimits ist eine Übertragung der Erreger sehr unwahrscheinlich. Sicherheitshalber kann man nach Entfernung der Zecke dieselbe mit zum Arzt bringen, mittels Laboruntersuchungen kann dann festgestellt werden, ob diese Zecke überhaupt Borrelien in sich hatte.
Die
Lyme-Disease nach einem Zeckenstich ist eine Multisystemer
krankung und läuft in Stadien ab. Die variable
Symptomatik reicht von akuten Hautläsionen (Erythema chronicum migrans) bis hin
zu schweren rheumatologischen, neurologischen und kardialen (=
das Herz betreffenden)
Manifestationen
(= Erscheinungen).
Grundsätzlich kann
nach einem Zeckenstich jede der klinischen Manifestationen (=
Kran kheitszeichen) isoliert, aber auch in Kombinationen
auftreten.
Im Stadium I der
Lyme-Disease
tritt
als
häufigste Frühmanifestation und damit Leitsymptom (=
vorherrschendes, hinweisendes Kran kheitszeichen) das Ery
thema mig
rans
(= wandernde, flächenhafte Hautrötung)
auf, Tage bis Wochen nach dem Zeckenstich. Die makulöse (=
fleckförmige) oder oder papulöse (=
knötchenartige), ringförmige
Effloreszenz (= Hautausschlag)
blaßt im weiteren Verlauf in der Mitte ab.
Begleitend zum Erythema migrans
können bei der
Lyme-Disease
Allgemeinsymptome wie Fieber,
Myalgien
(=
Muskelschmerzen) und
Kopfschmerzen,
selten auch ein Meningismus (=
Kran kheitszeichen wie bei einer Hirnhautentzündung) auftreten.
Eine besondere dermatologische (= die Haut
betreffende) Reaktionsform stellt das
Borrel
ien-Lym phozytom
dar. Der rötlich livide Tumor tritt bevorzugt an Ohrläppchen, Mamille (=
Brustwarze) oder
Hode nsack auf. Das
Borrel
ien-Lymp hozytom kann allerdings häufig nicht eindeutig
einem bestimmten Stadium zugeordnet werden. Selten kann es aufgrund hämatogener
Aussaat (= Streuung über die Blutbahn)
zu multiplen Erythemen
(= flächenhafte Hautrötung)
kommen.
Im Stadium II der Lyme-Disease nach einem Zeckenstich treten am häufigsten neurologische Manifestationen
(= Erkennbarwerden einer Er krankung) auf (Neuroborreliose), insbesondere die lymphozytäre Meningoradikulitis (LMR) mit typischer klinischer Symptomatik in Form von radikulären (= Ner venwurzel betreffenden) Schmerzen, häufig als quälend und brennend charakterisiert mit nächtlichen Schmerzexazerbationen (= Verschlimmerungen).In diesem Zusammenhang ist über ein Phänomen zu berichten, das bisher in der Literatur nicht aufgeführt wurde, diagnostisch aber richtungsweisend sein kann. Aufgefallen ist bei mehreren Patienten mit Lyme-Disease ein inkonstantes Reflexverhalten. So war der PSR (= Reflex der Kniescheibensehne) bei einer Untersuchung regelrecht auslösbar und bei der nächsten, Tage später nicht mehr und umgekehrt.
Ein weiteres Leitsymptom für die Neuroborrel iose (Stadium II) im Rahmen der Lyme-Disease nach Zeckenstich sind Hirnnervenlähmungen, seltener Extremi täten- (= Ar m/Be in-) oder Rumpflähmungen. Die Meningoradikulitis führt zu einem charakteristischen Liquorbefund (= Untersuchung des Hirnwassers): Lymphozytäre Pleozytose (= erhöhte Lymphozytenzahl) (zwischen 30/3 und 3000/3 Zellen) und Liquoreiweißerhöhung.
Nach erfolgloser antibiotischer Basistherapie der Ly me-Disease kann zur Schmerztherapie ambulant zunächst Baclofen versucht werden. Teilweise hilft auch Carbamazepin (z.B. Tegretal®) oder Gabapentin (z.B. Neurontin®) bzw. Pregabalin (Lyrica®) (die Kombination mit Baclofen ist ebenfalls wirksam und spart Carbamazepin bzw. Gabapentin oder Pregabalin ein, womit eine höhere Dosierung und die damit verbundenen Nebenwirkungen vermieden werden kann).
Eine weitere Manifestation des Stadium II der Lyme-Disease stellt die Lyme
-Karditis (= Lyme -bedingte Herzentzündung) dar, gekennzeichnet durch Herzrhythmusstörungen, hpts. in Form von AV-Blockierungen unterschiedlichen Grades.Im Stadium III der Lyme-Disease nach Zeckenstich zeigen sich hauptsächlich zwei Manifestationen (= Erkennbarwerden einer Er
krankung):Acrodermatitis chronica atrophicans (ACA): Nach langer Inkubationszeit (= Zeitspanne zwischen der Ansteckung und Auftreten von Kran kheitszeichen) (Monate bis Jahre) folgen einem initial (= eingangs) infiltrativen Stadium charakteristische atrophische Veränderungen: dünne, ähnlich einem Zigarettenpapier, gefältelte Haut bei livider Verfärbung und die Gefäße treten plastisch hervor.
Lyme-Arthritis: Diese Gelenkerkrankung kann mono- oder polyartikulär (= ein oder mehrere Gelen ke betreffend), chronisch oder intermittierend ablaufen. Differentialdiagnostisch (= was sonst noch an Kran kheiten in Frage kommt) ist eine r heumat ische Genese (= Ursache) (die sog. rheumatoide Arthritis) bedeutsam.
Sehr selten kommt es als Manifestation des Stadiums III zur chronischen Borrel ien-Enzepha lomyelitis (= En tzündung des Gehirns und Rückenmarks) mit Para- und Tetraparesen (= Lähmung der Beine oder aller Glieder). Im Liquor findet sich eine ausgeprägte Eiweißerhöhung bei geringgradiger Liquorzellzahlerhöhung.
Diagnostik der
Lyme-Disease:
Der direkte Erregernachweis mittels Kultur oder Mikroskopie
bringt zwar einen frühzeitigen Nachweis (sofern eine Anzucht überhaupt
gelingt), ist aber sehr aufwendig. In der Praxis kommen deshalb hauptsächlich
serologische Verfahren (Nachweis der erregerspezifischen Immunantwort) zum
Einsatz, wobei die diagnostische Sensitivität im Frühstadium der Er krankung
aber eher gering und erst in späteren Stadien hoch ist. Bei Verdacht auf
Lyme-Disease bzw.
Neuroborreliose sollte grundsätzlich auch der Liquor cerebrospinalis (= das Hirnwasser)
untersucht
werden (Liquor/Serum-Paar vom selben Tag).
Eine zunehmende Bedeutung erlangt die sog. Poly merase-Kettenreaktion
(PCR), weil mit dieser Methode innerhalb kurzer Zeit bereits geringe Mengen an
Spirochäten nachgewiesen werden können. Der Nachweis spezifischer Genanteile
(Nukleinsäuren) hat den Vorteil, daß lebende Organismen nicht vorhanden sein
müssen und es daher beim Transport der Proben keiner besonderen
Vorsichtsmaßnahme bedarf.
Geeignete Untersuchungsmaterialien sind bei Lyme-Disease:
Liquor (= Hirnwasser),
Gelenkpunktate (= Flüssigkeit aus dem Gelen k),
Hautbiopsate (= Gewebeprobe aus der Haut) sowie
Urin.
Differentialdiagnostik
(= was sonst noch an
Kran
kheiten in Frage
kommen könnte) bei
Lyme-Disease
nach Zeckenstich:
Wie oben schon erwähnt, kann eine
Arthritis
auch
rheumatischer Natur sein. Herzrhythmusstörungen sind am ehesten kardial (= das Herz betreffend) bedingt und
nur selten auf die
Lyme-Disease nach Zeckenstich zurückzuführen. Radikuläre (= Nervenwurzeln betreffende)
Störungen, wie sie im Rahmen einer borrel
iosebedingten, lymphozytären Meningoradikulitis
(LMR) auftreten, können
auch einer Multiplen Sklerose zugeordnet werden.
Eine zunehmende differentialdiagnostische Bedeutung dürfte
die neu entdeckte Humane Granulocy
ten Ehrlichiose (HG
E)
erlangen.
Die Primärtherapie (=
Basis- oder Grundbehandlung) der
Lyme-Disease nach einem Zeckenstich
erfolgt mit Antibiotika.
Persistierende (= trotz Basisbehandlung
verbleibende) Beschwerden / Schmerzen bei
Lyme-Disease
sind leider oftmals sehr
hartnäckig und geben dann Anlaß einen Schmerztherapeuten aufzusuchen.
Methodenbeschreibung "Kontinuierliche (repetitive) Nervenblockaden mit Katheter":
Nervus femoralis (vorderer
Oberschenkelnerv): Bei dieser Methode suchen wir von der Vorderseite des
Oberschenkels her, handbreit unterhalb des Leistenbandes mit einer Kanüle in der
Tiefe den Oberschenkelnerv auf und legen in die Nervenscheide (Gewebsumhüllung
des Nerven) einen dünnen Kunststoffschlauch (Katheter) ein. In den nächsten 2-3
Wochen spritzen wir dann mehrmals täglich eine verdünnte
örtliche Betäubungsmittellösung ein. Dabei wählen wir die Konzentration des Wirkstoffes
so, daß die grobe Kraft und damit die Beweglichkeit erhalten bleibt, aber die
Schmerzempfindlichkeit deutlich herabgesetzt oder gar aufgehoben ist.
Anwendungsbereiche:
(vorderer) Oberschenkelschmerz,
Knieschmerz
und zum Teil Unterschenkelschmerzen (vorderer und innerer Anteil).
Gegen Schmerzen im Hüft- (auch Hü ftgelenk) und Le istenbereich kann vorgenannte Methode verändert angewendet werden (der sog. 3 in 1-Block oder die Pl exus lumbal is-Blockade): Wenn man die Menge der örtlichen Betäubungsmittellösung erhöht (ca. 25-35 ml) und während des Einspritzens den Oberschen kel abstaut, wird die Wirkstofflösung nach oben getrieben (innerhalb der Nervenscheide) und betäubt weitere Nerven, die die genannten Körpergebiete versorgen.
N.
isch
iadicus: Bei dieser
Methode suchen wir von der Oberschenkelrückseite her, handbreit unter dem
Gesä
ß,
den Ischiasnerv in der Tiefe mit einer Kanüle auf und legen einen dünnen
Kunststoffschlauch in die zugehörige Nervenscheide (Gewebsumhüllung) ein. In den
folgenden 2-3 Wochen wird dann in diesen Schlauch mehrmals täglich eine
verdünnte, örtliche Betäubungsmittellösung eingespritzt. Je nach
Wirkstoffkonzentration kommt es dann im Versorgungsgebiet des Nerven zu einer
Verminderung der Schmerzempfindlichkeit bis hin zur Schmerzfreiheit.
Anwendungsbereiche: rückwärtige
Oberschenkelschmerzen, hintere
und äußere Unterschen
kel-, Fu
ß- und
Fußgelenkschmerzen.
Plexus brachialis: Die Einpflanzung des Katheters
erfolgt nahe der Achselhöhle am inneren Oberarm oder im seitlichen unteren
Halsbereich (der sog. interskalenäre Zugang).
Anwendungsbereiche:
der ganze Arm einschließlich
Ellbogenschmerzen und
Handgelenkschmerz, in der sog.
retrograd hohen Variante oder beim interskalenären Zugang auch
Schulterschmerzen.
Nach bisheriger Lehrmeinung entwickelt nur ein Bruchteil der mit Borrel ien infizierten Patienten eine Lyme-Disease. Hassler (1998)(2) dagegen fand bei seinen Untersuchungen keinen Patienten, bei dem eine Borrel ien-Infek tion symptomlos (= ohne Kran kheitszeichen) geblieben ist und empfiehlt deshalb die Antibiotikatherapie bei allen testpositiven (ca. 6 Wochen nach Zeckenstich) Patienten, denn verschiedene "Volkskran kheiten" wie Arthri tis, Nervenlähmungen oder Herzrhythmusstörungen können die Spätfolge eines Zeckenstich es sein. Die neu entdeckte Humane Granulocy ten Ehrl ichiose (HGE) gewinnt differentialdiagnostisch (= was sonst noch an Kran kheiten in Frage kommt) an Bedeutung.
Literatur: (1) Tiller, F.-W.; Diagnostische Bibliothek, Nr. 48, Juni 1997, Blackwell Wissenschaftsverlag. (2) Hassler, D.; Focus-Magazin, Nr. 17 (20.4.1998) - Teilveröffentlichung einer Habilitationsschrift über die Lyme-Disease -
In Deutschland gibt es mittlerweile an vielen Orten Selbsthilfegruppen. Falls Sie Interesse haben: www.borreliose-bund.de (einfach anklicken).
Aktualisiert: 03.08.05
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